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Voreingenommenheit erkennen: Genogramme für therapeutische Selbstreflexion

Watercolor illustration of therapist self-reflection through genograms

Bevor wir Klienten wirksam dabei unterstützen können, ihre familiären Muster zu erforschen, müssen wir zunächst unsere eigenen verstehen. Dieses Prinzip gewinnt besondere Bedeutung, wenn es um Voreingenommenheit geht — die Annahmen, Vorurteile und Haltungen, die wir aus unseren Herkunftsfamilien aufnehmen und die unweigerlich unsere klinische Arbeit beeinflussen.

Wie Halevy (1998, S. 233) argumentiert: „Um kompetente und ethisch handelnde Praktikerinnen und Praktiker zu werden, müssen Studierende sich selbst verstehen und erkennen, wie sie andere wahrnehmen." Das „Genogramm mit Haltung" (Genogram with an Attitude), eine spezialisierte Anpassung für die multikulturelle Beratungsausbildung, bietet einen strukturierten Ansatz, um zu erforschen, wie Voreingenommenheit über Generationen hinweg in unseren eigenen Familien weitergegeben wurde.

Dieser Artikel untersucht, wie Genogramme als Instrumente zur therapeutischen Selbstreflexion dienen können und Fachkräften helfen, die Voreingenommenheiten zu erkennen und anzugehen, die sie in ihre klinische Arbeit einbringen.

Das Problem der ungeprüften Voreingenommenheit

Warum Selbstreflexion wichtig ist

Jeder Therapeut und jede Therapeutin betritt den Beratungsraum mit Annahmen — über Familie, über Normalität, über Gesundheit und Pathologie. Diese Annahmen sind keine persönlichen Schwächen; sie sind das unvermeidliche Ergebnis des Aufwachsens in bestimmten Familien, Gemeinschaften und kulturellen Kontexten. Ungeprüfte Annahmen werden jedoch problematisch, wenn sie unsere Fähigkeit beeinträchtigen, Klienten zu verstehen und zu helfen, deren Erfahrungen sich von unseren eigenen unterscheiden.

Voreingenommenheiten in Bezug auf Ethnie, Geschlecht, soziale Schicht, sexuelle Orientierung, Religion, Herkunft, Fähigkeiten und andere Dimensionen der Identität können Folgendes beeinflussen:

  • Welche Verhaltensweisen von Klienten wir als problematisch oder als normal wahrnehmen
  • Wie wir Familiendynamiken und Beziehungen interpretieren
  • Welche Ziele wir implizit als Therapieziele annehmen
  • Mit welchen Klienten wir uns wohl oder unwohl fühlen
  • Wie Machtdynamiken in der therapeutischen Beziehung wirken

Die intergenerationale Weitergabe von Voreingenommenheit

So wie Familien Muster der Kommunikation, Bewältigung und Beziehungsgestaltung über Generationen weitergeben, vermitteln sie auch Haltungen. Halevy (1998, S. 236) stellt fest, dass „das Genogramm ein äußerst nützliches Instrument ist, das nicht nur die Weitergabe von Kultur, sondern auch die Weitergabe von Haltungen nachzeichnet."

Das Verständnis dieses intergenerationalen Prozesses erfüllt eine wichtige Funktion: Es hilft, persönliche Schuld von systemischer Verantwortung zu trennen. Wenn Fachkräfte erkennen, dass sie ihre Voreingenommenheiten „ehrlich erworben" haben — durch familiäre Weitergabe —, können sie diese Muster ohne übermäßige Schuldgefühle oder Abwehr bearbeiten (Halevy, 1998, S. 236).

Das „Genogramm mit Haltung"

Ursprünge und Zielsetzung

Halevy (1998) entwickelte das „Genogramm mit Haltung" als Übung für Studierende der Ehe- und Familientherapie in einem multikulturellen Beratungskurs. Aufbauend auf Hardy und Laszloffys (1995) kulturellem Genogramm und unter Verwendung der standardmäßigen Genogramm-Struktur und -Symbole konzentriert sich diese Anpassung gezielt auf die Nachverfolgung der Weitergabe von Vorurteilen und Voreingenommenheit durch Familiensysteme.

Die Übung geht von mehreren zentralen Prämissen aus:

  • Haltungen zu Ethnie, Geschlecht, sozialer Schicht, sexueller Orientierung und anderen Identitätsdimensionen werden über Generationen hinweg in Familien weitergegeben
  • Individuelle Vorurteile existieren innerhalb breiterer soziopolitischer und historischer Kontexte
  • Das Verständnis der Weitergabe von Voreingenommenheit kann Raum schaffen, Verantwortung zu übernehmen, ohne übermäßige persönliche Schuldzuweisungen
  • Gemeinsame Untersuchung in einem unterstützenden Kontext hilft, Scham als Hindernis für Veränderung abzubauen

Der Prozess

Halevy (1998) beschreibt einen strukturierten Prozess, der für verschiedene Ausbildungskontexte angepasst werden kann:

Fünf-Schritte-Prozess zur Erstellung eines Genogramms mit Haltung: 1. Genogramm-Struktur erstellen, 2. Prägende Erinnerungen abrufen, 3. Botschaften kartieren, 4. In Kleingruppen teilen, 5. Diskussion in der Großgruppe
Der fünfstufige Prozess zur Erforschung von Voreingenommenheit durch Genogramme

Schritt 1: Die Genogramm-Struktur erstellen

Beginnen Sie mit der Erstellung eines traditionellen Genogramms, das alle Familienmitglieder über drei bis vier Generationen umfasst. Dies bildet die Grundlage für die anschließende Erforschung der Voreingenommenheit.

Schritt 2: Prägende Erinnerungen abrufen

Rufen Sie konkrete Erinnerungen ab, bei denen Ethnie, Geschlecht, soziale Schicht, sexuelle Orientierung, Religion, Herkunft, Fähigkeiten, Aussehen oder Alter im Mittelpunkt standen. Identifizieren Sie für jede Erinnerung:

  • Wer anwesend war
  • Was geschah
  • Wie Sie sich fühlten
  • Welche Botschaften Sie erhielten (explizit oder implizit)

Schritt 3: Die Botschaften kartieren

Notieren Sie die Bereiche der Voreingenommenheit und die konkreten Botschaften neben den entsprechenden Familienmitgliedern im Genogramm. Diese visuelle Darstellung macht Muster der Weitergabe über Generationen hinweg sichtbar.

Beispiel-Genogramm mit Haltung, das Familienmitglieder mit Anmerkungen zu erhaltenen Bias-Botschaften zeigt, wie Haltungen zu Ethnie, Geschlecht, sozialer Schicht und Religion über Generationen weitergegeben wurden
Ein „Genogramm mit Haltung" ordnet Bias-Botschaften den Familienmitgliedern zu, die sie weitergegeben haben

Schritt 4: In Kleingruppen teilen

Präsentieren Sie das Genogramm einer kleinen Gruppe vertrauenswürdiger Kolleginnen und Kollegen (Halevy empfiehlt Dreiergruppen mit jeweils etwa 20 Minuten pro Person). Das Kleingruppen-Format schafft einen sicheren Rahmen für verletzliche Selbstöffnung.

Schritt 5: Diskussion in der Großgruppe

Nach den Kleingruppenpräsentationen kommt die Gruppe zur gemeinsamen Diskussion übergreifender Themen zusammen. Dieses kollektive Teilen hilft den Teilnehmenden zu erkennen, dass sie mit ihren vererbten Voreingenommenheiten nicht allein sind.

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Was Fachkräfte entdecken

Häufige Themen

Durch diesen Prozess entdecken Fachkräfte typischerweise:

  • Universalität von Voreingenommenheit: Vorurteile existieren in allen Familien, auch wenn der spezifische Inhalt variiert
  • Generationsmuster: Haltungen lassen sich oft über mehrere Generationen zurückverfolgen
  • Widersprüchliche Botschaften: Familien können widersprüchliche Botschaften über dieselben Gruppen vermitteln
  • Unausgesprochene Regeln: Ein Großteil der Bias-Weitergabe erfolgt ebenso sehr über das, was nicht gesagt wird, wie über das, was gesagt wird
  • Kontextuelle Einflüsse: Familiäre Haltungen spiegeln die historischen und sozialen Kontexte wider, in denen sie entstanden sind

Von Scham zu Verantwortung

Ein entscheidendes Ergebnis der Übung ist die Bewegung von Scham und Schuldgefühlen hin zu Verantwortung. Wenn Fachkräfte erkennen, wie Voreingenommenheit durch ihr Familiensystem weitergegeben wurde, können sie diese Muster ohne übermäßige persönliche Schuldzuweisungen bearbeiten (Halevy, 1998).

Diese Unterscheidung ist bedeutsam: Obwohl Fachkräfte die sozialen Kontexte, die die Haltungen ihrer Familien geformt haben, nicht geschaffen haben, tragen sie Verantwortung dafür, wie sie auf diese vererbten Muster in ihrem eigenen Leben und in ihrer klinischen Arbeit reagieren.

Auswirkungen auf die klinische Praxis

Halevy (1998) berichtet, dass Studierende, die diese Übung durchführen, signifikante Veränderungen in ihrer klinischen Arbeit beschreiben. Sie werden besser in der Lage:

  • Zu erkennen, wann persönliche Haltungen die Behandlung von Klienten beeinflussen
  • Klienten mit unterschiedlichem Hintergrund mit größerer Offenheit zu begegnen
  • Ihre Annahmen zu überprüfen, bevor sie unbekannte Familienmuster pathologisieren
  • Fragen der Voreingenommenheit mit Klienten zu besprechen, wenn dies klinisch relevant ist
  • Verantwortung für kontinuierliche Selbstreflexion und persönliches Wachstum zu übernehmen

Umsetzung von Selbstreflexionspraktiken

Für einzelne Fachkräfte

Auch ohne einen formalen Ausbildungskontext können Fachkräfte diesen Ansatz zur persönlichen Selbstreflexion anpassen:

  1. Erstellen Sie Ihr eigenes Bias-Genogramm: Kartieren Sie die Botschaften über verschiedene Identitätsgruppen, die Sie von unterschiedlichen Familienmitgliedern erhalten haben
  2. Identifizieren Sie Quellen und Muster: Beachten Sie, welche Haltungen von welchen Familienmitgliedern kamen und wie sie über Generationen hinweg miteinander verbunden sind
  3. Untersuchen Sie aktuelle Auswirkungen: Reflektieren Sie ehrlich, wie diese frühen Botschaften noch heute Ihre Wahrnehmung und klinische Arbeit beeinflussen
  4. Suchen Sie Beratung: Besprechen Sie Ihre Erkenntnisse mit vertrauenswürdigen Kolleginnen und Kollegen oder Supervisorinnen und Supervisoren, die eine Außenperspektive bieten können
  5. Verpflichten Sie sich zu fortlaufender Arbeit: Selbstreflexion ist keine einmalige Errungenschaft, sondern eine fortlaufende Praxis

Für Ausbildungsprogramme

Ausbildungsprogramme können diesen Ansatz integrieren durch:

  • Spezielle Kurse in multikultureller Beratung
  • Supervisionsgruppen mit Fokus auf Selbstreflexion
  • Workshops zur beruflichen Weiterentwicklung
  • Kollegiale Beratungsformate

Das von Halevy beschriebene Kleingruppenformat — mit seiner Betonung auf Sicherheit, gemeinsamer Verletzlichkeit und kollektiver Reflexion — erscheint als wesentlich für die Wirksamkeit der Übung.

Sicherheit schaffen

Jede Erforschung persönlicher Voreingenommenheit erfordert psychologische Sicherheit. Zentrale Elemente umfassen:

  • Klare Vertraulichkeitsvereinbarungen
  • Freiwillige Teilnahme am Teilen
  • Kompetente Moderation
  • Betonung des Lernens statt des Urteilens
  • Anerkennung, dass alle vererbte Voreingenommenheiten mitbringen
  • Fokus auf Verantwortung statt auf Schuldzuweisung

Verbindung zur breiteren Praxis

Integration mit kulturellen Genogrammen

Das „Genogramm mit Haltung" lässt sich gut mit Hardy und Laszloffys (1995) kulturellem Genogramm kombinieren. Während das kulturelle Genogramm Stolz und Scham in Bezug auf das kulturelle Erbe erforscht, untersucht das Bias-fokussierte Genogramm gezielt Haltungen gegenüber anderen Gruppen. Zusammen bieten diese Übungen ein umfassenderes Bild davon, wie Identität und Haltungen durch Familie und kulturellen Kontext geprägt wurden.

Implikationen für die Arbeit mit Klienten

Selbstreflexion über Voreingenommenheit verbessert die Versorgung von Klienten unmittelbar. Fachkräfte, die ihre eigenen vererbten Haltungen untersucht haben, sind besser in der Lage:

  • Authentisch einladende Räume für diverse Klienten zu schaffen
  • Zu vermeiden, kulturspezifische Annahmen als universelle Normen aufzuerlegen
  • Ihre eigenen Reaktionen als potenzielle Quellen klinischer Information zu erkennen
  • Fragen von Macht und Privilegien anzusprechen, wenn dies behandlungsrelevant ist
  • Die Art ehrlicher Selbstreflexion vorzuleben, die sie möglicherweise auch von ihren Klienten einladen

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Fazit

Das Genogramm wird oft als Instrument zum Verständnis von Klienten betrachtet. Ebenso wichtig ist seine Fähigkeit, Fachkräften zu helfen, sich selbst zu verstehen. Indem wir nachvollziehen, wie Voreingenommenheit über Generationen in unseren eigenen Familien weitergegeben wurde, können wir mit größerem Bewusstsein an die Annahmen herangehen, die wir in die klinische Arbeit mitbringen.

Halevys „Genogramm mit Haltung" bietet einen strukturierten Ansatz für diese Selbsterforschung — einen, der die Universalität vererbter Voreingenommenheit anerkennt und gleichzeitig Raum schafft, Verantwortung ohne übermäßige Scham zu übernehmen.

„Wenn Studierende auf die Generationen vor ihnen in ihrer Familie blicken, finden sie Belege dafür, dass sie ihre Voreingenommenheiten ‚ehrlich erworben' haben. Wenn sie diese Informationen miteinander teilen, entdecken sie, dass ihre Familien den Prozess der Voreingenommenheit teilen — dass Vorurteile in allen Familien zu finden sind." — Halevy (1998, S. 236)

Diese Erkenntnis ist kein Endpunkt, sondern ein Anfang. Die fortlaufende Arbeit der Selbstreflexion — unsere Annahmen zu überprüfen, Feedback zu suchen und offen für Wachstum zu bleiben — ist unverzichtbar für eine ethische, wirksame Praxis über alle Dimensionen der Diversität hinweg, denen wir in unserer klinischen Arbeit begegnen.

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Literaturverzeichnis

Amorin-Woods, D. (2024). Genograms, culture, love and sisterhood: A conversation with Monica McGoldrick. Australian and New Zealand Journal of Family Therapy, 45(3), 349–366. https://doi.org/10.1002/anzf.1602

Halevy, J. (1998). A genogram with an attitude. Journal of Marital and Family Therapy, 24(2), 233–242.

Hardy, K. V., & Laszloffy, T. A. (1995). The cultural genogram: Key to training culturally competent family therapists. Journal of Marital and Family Therapy, 21(3), 227–237.

McGoldrick, M., Gerson, R., & Petry, S. (2008). Genograms: Assessment and intervention (3rd ed.). W. W. Norton.