Einleitung
Trauma endet nicht einfach mit der Person, die es erlebt. Die Forschung zeigt zunehmend, dass die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen über Generationen hinweg nachwirken können und Familiendynamiken, Bewältigungsmuster und sogar biologische Stressreaktionen formen. Doch neben dieser Übertragung von Trauma geben Familien auch bemerkenswerte Fähigkeiten zur Resilienz, Heilung und kulturellen Stärke weiter.
Für Fachleute der psychischen Gesundheit, die mit Traumaüberlebenden arbeiten, ist das Verständnis dieser multigenerationalen Muster unverzichtbar. Das Transgenerationale Trauma- und Resilienz-Genogramm (TTRG), das 2013 von Rachael D. Goodman entwickelt wurde, bietet einen wirkungsvollen Rahmen zur Visualisierung und Bearbeitung sowohl von Trauma als auch von Resilienz über Familiengenerationen hinweg.
„Während Trauma von Eltern auf Kinder übertragen werden kann, können auch Bewältigungsstrategien, Wege zur Überwindung traumatischen Stresses und Wege zur Bewahrung der eigenen Kultur trotz Unterdrückung weitergegeben werden." — Goodman (2013, S. 389)
Dieser Artikel beleuchtet die TTRG-Methodik, ihre theoretischen Grundlagen und praktischen Anwendungen für Kliniker, die traumainformierte, stärkenbasierte Ansätze in ihre Genogramm-Praxis integrieren möchten.
Transgenerationales Trauma verstehen
Was ist transgenerationales Trauma?
Laut Goodman (2013) tritt transgenerationales Trauma auf, wenn die Auswirkungen von Trauma über Generationen innerhalb von Familien und Gemeinschaften weitergegeben werden. Dieses Phänomen wurde in verschiedenen Bevölkerungsgruppen dokumentiert, darunter Holocaust-Überlebende und ihre Nachkommen, indigene Gemeinschaften, die von Kolonisierung betroffen sind, sowie Familien, die von Krieg, Vertreibung und systemischer Unterdrückung betroffen sind.
Die Traumaübertragung erfolgt über mehrere Wege, darunter:
- Verhaltensmuster: Kinder, die ängstliches oder vermeidendes Verhalten von traumatisierten Eltern erlernen
- Bindungsstörungen: Trauma, das die Fähigkeit zur Fürsorge und die Eltern-Kind-Bindung beeinträchtigt
- Familiäre Kommunikationsmuster: Was Danieli (2007, zit. nach Goodman, 2013) als „Verschwörung des Schweigens" bezeichnet – Familien, die vergangenes Trauma nicht besprechen, um zukünftige Generationen zu schützen
- Kulturelle und gemeinschaftliche Auswirkungen: Kollektives Trauma, das ganze Gruppen betrifft, wie das, was indigene Gemeinschaften als „Seelenwunde" beschreiben (Goodman, 2013)
Jenseits individuellen Traumas: Eine ökosystemische Perspektive
Traditionelle Traumabewertung konzentriert sich oft eng auf individuelle Erfahrungen. Goodman (2013) argumentiert jedoch, dass dieser Ansatz entscheidende kontextuelle Faktoren übersieht. Unter Rückgriff auf Bronfenbrenners (1977) ökologisches Modell integriert das TTRG ein breiteres Verständnis davon, wie Trauma über multiple Systeme hinweg wirkt.
Goodman (2013) schlägt eine Vier-Quadranten-Konzeptualisierung von Trauma vor, die zwischen traditionellen und ökosystemischen Quellen unterscheidet:
- Traditionelles direktes Trauma: Traumatische Ereignisse, die direkt von der Person erlebt werden
- Traditionelles indirektes Trauma: Transgenerationale Übertragung innerhalb von Familien
- Ökosystemisches direktes Trauma: Direkte Erfahrungen systemischer Unterdrückung (z. B. Rassismus, Diskriminierung)
- Ökosystemisches indirektes Trauma: Transgenerationale Auswirkungen historischer und andauernder systemischer Unterdrückung
Dieser Rahmen erkennt an, dass Trauma nicht nur aus einzelnen Ereignissen, sondern auch aus fortlaufenden Erfahrungen von Marginalisierung, Diskriminierung und kultureller Störung entstehen kann.
Das transgenerationale Trauma- und Resilienz-Genogramm
Was macht das TTRG anders?
Laut Goodman (2013) kombiniert das TTRG die traditionelle Genogramm-Struktur, die von McGoldrick und Kollegen entwickelt wurde, mit einer Überlagerung basierend auf Bronfenbrenners ökologischem Modell. Die Grundlage bilden weiterhin die Standard-Genogramm-Symbole für Familienmitglieder und Beziehungen, wobei konzentrische Kreise hinzugefügt werden, um breitere systemische Einflüsse abzubilden.
„Das Transgenerationale Trauma- und Resilienz-Genogramm (TTRG) wurde als dynamisches Instrument geschaffen, das Praktiker bei der Durchführung umfassender Traumabewertung und -intervention unterstützen kann." — Goodman (2013, S. 387)
Vier Leitprinzipien
Das TTRG unterscheidet sich von traditionellen Genogrammen durch vier grundlegende Prinzipien (Goodman, 2013):
1. Umfassendes/Ökosystemisches Verständnis von Trauma
Anstatt sich ausschließlich auf individuelle traumatische Ereignisse zu konzentrieren, betrachtet das TTRG Trauma in seinem vollständigen ökologischen Kontext. Dies umfasst Familienmuster, Gemeinschaftsfaktoren, kulturelle Erfahrungen und systemische Einflüsse wie Rassismus, Armut und historische Unterdrückung.
2. Stärkenbasierter Fokus
Ein kennzeichnendes Merkmal des TTRG ist seine Betonung von Resilienz neben Trauma. Das Instrument identifiziert ausdrücklich Bewältigungsstrategien, Unterstützungssysteme, kulturelle Stärken und Schutzfaktoren, die Familienmitgliedern geholfen haben, trotz Widrigkeiten zu überleben und zu gedeihen.
3. Kulturelle Responsivität
„Das TTRG ist kulturell responsiv, da es klientengesteuert ist und die persönlichen, familiären, kulturellen und gemeinschaftlichen Erfahrungen des Klienten widerspiegelt" (Goodman, 2013, S. 393). Der Ansatz respektiert vielfältige Definitionen von Familie, Gemeinschaft und Heilungspraktiken. Weitere Informationen zur Integration von Kultur in die Genogramm-Praxis finden Sie in unserem Artikel über die kulturelle Perspektive in der Familienbeurteilung.
4. Soziale Gerechtigkeit/Kritisch-befreiende Perspektive
Das TTRG berücksichtigt Machtdynamiken, systemische Unterdrückung und Aspekte sozialer Gerechtigkeit. Es erkennt an, dass viele Traumaquellen – einschließlich Rassismus, Kolonisierung und wirtschaftlicher Marginalisierung – nicht nur individuelle Erfahrungen sind, sondern systemische Realitäten, die ein systemisches Verständnis erfordern.
Ein transgenerationales Trauma- und Resilienz-Genogramm erstellen
Der kollaborative Prozess
Goodman (2013) betont, dass das TTRG kollaborativ zwischen Klient und Berater entwickelt werden sollte. Dieser Ansatz respektiert die Expertise des Klienten über seine eigene Familie und seinen kulturellen Kontext, stärkt die therapeutische Allianz und stellt sicher, dass das Genogramm die gelebte Erfahrung des Klienten genau widerspiegelt.
Zentrale Beurteilungsfragen
Goodman (2013) empfiehlt mehrere Leitfragen für die TTRG-Entwicklung:
Umfassende Traumabewertung:
- „Welche Ereignisse haben sich in Ihrem Leben (oder Ihrer Familie oder Gemeinschaft) ereignet, die sehr belastend oder traumatisch waren?"
- Welche Muster von Schwierigkeiten oder Herausforderungen treten über Generationen hinweg auf?
- Welche systemischen Faktoren (Diskriminierung, Armut, Vertreibung) haben Ihre Familie beeinflusst?
Stärkenbasierte Erkundung:
- „Was sind Ihre Stärken? Wie haben Sie Ihre Stärken angesichts dieser Belastungen bewahrt?"
- Welche Bewältigungsstrategien haben bei Familienmitgliedern in der Vergangenheit funktioniert?
- Wer sind die Unterstützungsquellen innerhalb und außerhalb der Familie?
Kulturelle Responsivität:
- „Wenn jemand in Ihrer Familie oder Gemeinschaft aufgeregt ist, was tun sie dann?"
- Welche kulturellen Praktiken, spirituellen Überzeugungen oder Gemeinschaftsverbindungen haben Kraft gegeben?
- Wie definiert Ihre Familie Heilung und Wohlbefinden?
Visuelle Organisation
Goodman (2013) beschreibt die räumliche Logik des TTRG: Faktoren, die den Klienten direkt beeinflussen, werden näher am Zentrum des Diagramms platziert, während entferntere Einflüsse die äußeren Ringe besetzen. Diese Organisation hilft Klinikern und Klienten, zu visualisieren, wie verschiedene Faktoren mit der Erfahrung des Klienten zusammenhängen.
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Individuelle Traumaberatung
Das TTRG bietet einen strukturierten Rahmen für eine umfassende Traumabewertung, die über die Identifizierung von Symptomen hinausgeht und deren Ursprünge und Kontext versteht. Durch die Abbildung von Trauma über Generationen können Kliniker Klienten helfen zu erkennen, dass ihre Schwierigkeiten oft Wurzeln haben, die weit über ihre individuelle Erfahrung hinausreichen.
Familientherapie
Für Familien, die kollektives Trauma erlebt haben – wie Flüchtlingsfamilien, von Sucht betroffene Familien oder Familien, die mit intergenerationaler Gewalt umgehen – bietet das TTRG eine Möglichkeit, gemeinsame Muster zu visualisieren und gleichzeitig familiäre Stärken und potenzielle Heilungswege zu identifizieren.
Die Verschwörung des Schweigens durchbrechen
Eine wirkungsvolle Anwendung des TTRG ist seine Fähigkeit, Gespräche über Trauma zu eröffnen, die Familien möglicherweise vermieden haben. Das visuelle, strukturierte Format kann es sicherer machen, schwierige Themen zu erkunden, und hilft Familien, vom Schweigen zum Dialog über ihre gemeinsame Geschichte zu gelangen.
Wie Joseph et al. (2023) in ihrer Literaturübersicht anmerken: „Im Traumaberatungssetting kann ein Genogramm vom Praktiker genutzt werden, um ein Verständnis des breiteren Ökosystems des Klienten zu unterstützen und die inhärenten Stärken und systemische Unterstützung von Klienten zu fördern, die Trauma erlebt haben" (S. 25).
Praktische Überlegungen für Kliniker
Zeit und Tempo
Die umfassende Natur des TTRG bedeutet, dass es typischerweise mehr Zeit erfordert als ein Standard-Genogramm. Goodman (2013) schlägt vor, dass Kliniker möglicherweise Hausaufgaben vergeben oder den Prozess über mehrere Sitzungen verteilen müssen. Dieser schrittweise Ansatz kann tatsächlich therapeutisch vorteilhaft sein, da er Klienten Zeit zum Verarbeiten und Reflektieren zwischen den Sitzungen gibt.
Vorbereitung des Beraters
Goodman (2013) merkt an, dass eine effektive Nutzung des TTRG von Beratern verlangt, ein Bewusstsein für soziopolitische Geschichten zu entwickeln, die ihre Klientenpopulationen betreffen. Darüber hinaus sollten Kliniker:
- Die eigenen kulturellen Annahmen und möglichen Vorurteile reflektieren
- Kompetenz in traumainformierter Versorgung aufbauen
- Systemische Faktoren wie Rassismus, Kolonisierung und strukturelle Ungleichheit verstehen
Trauma und Resilienz ausbalancieren
Während der Erforschung der Traumageschichte sollten Kliniker durchgehend auf Resilienzfaktoren achten. Dieser duale Fokus verhindert, dass die Beurteilung überwältigend wird, und hilft Klienten, ihre inhärenten Stärken und Ressourcen zu erkennen.
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Das Transgenerationale Trauma- und Resilienz-Genogramm stellt eine bedeutende Weiterentwicklung der Genogramm-Praxis dar und bietet Klinikern einen umfassenden Rahmen für die Traumabewertung, der sowohl das Gewicht intergenerationalen Leidens als auch die bemerkenswerte Fähigkeit von Familien zu überleben, sich anzupassen und zu heilen, würdigt.
Durch die Integration der ökologischen Systemtheorie mit traditioneller Genogramm-Methodik bietet das TTRG eine Möglichkeit, Trauma und Resilienz in ihrer vollen Komplexität zu visualisieren. Seine vier Leitprinzipien – umfassendes Verständnis, Stärkenfokus, kulturelle Responsivität und Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit – bieten einen Fahrplan für traumainformierte, kulturell bescheidene Praxis.
Für Fachleute der psychischen Gesundheit, die mit Traumaüberlebenden arbeiten, ist das TTRG mehr als ein Beurteilungsinstrument. Es ist eine Einladung, multigenerationale Muster sowohl des Leidens als auch der Stärke zu bezeugen und Klienten dabei zu unterstützen, neue Kapitel in der fortlaufenden Resilienzgeschichte ihrer Familie zu schreiben.
Literaturverzeichnis
Amorin-Woods, D. (2024). Genograms, culture, love and sisterhood: A conversation with Monica McGoldrick. Australian and New Zealand Journal of Family Therapy, 45(3), 349–366. https://doi.org/10.1002/anzf.1602
Bronfenbrenner, U. (1977). Toward an experimental ecology of human development. American Psychologist, 32(7), 513–531.
Goodman, R. D. (2013). The transgenerational trauma and resilience genogram. Counselling Psychology Quarterly, 26(3-4), 386–405. https://doi.org/10.1080/09515070.2013.820172
Joseph, B., Dickenson, S., McCall, A., & Roga, E. (2023). Exploring the therapeutic effectiveness of genograms in family therapy: A literature review. The Family Journal: Counseling and Therapy for Couples and Families, 31(1), 21–30. https://doi.org/10.1177/10664807221104133
McGoldrick, M., Gerson, R., & Petry, S. (2008). Genograms: Assessment and intervention (3rd ed.). W. W. Norton.
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